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  Geschichten aus Marzahn - Was bei uns passiert...

Kinderglaube

„Hu! Auf dem Friedhof ist es janz gruselig und schwarz! Da sind Jespenster und Jeister! Die saugen einem det Blut raus!“

Unsere sechs Christenlehrekinder schrien wild durcheinander, als ich ihnen erzählte, wir würden uns heute den Marzahner Friedhof, die Grabsteine und Blumen angucken.

Als wir vor dem Friedhofstor aus dem Auto stiegen, waren sie beruhigt: Die bunten Herbstbäume rauschten leise im Wind. Die ersten Blätter raschelten unter unseren Füßen. Heidekraut und Astern blühten auf den Gräbern. Elstern schrien und die S-Bahn dröhnte an uns vorbei. Keine Gespenster!

„Warum nannte man die Friedhöfe frĂĽher Gottesacker?“, fragte ich, als wir den Hauptweg hinuntergingen.

Schulterzucken überall: „Gottesacker? Keine Ahnung.

“ Ich fragte ein biĂźchen weiter: „Was sät und erntet man auf einem Kartoffelacker?“ - „Na, Kartoffeln!“ - „Und was sät und erntet man auf einem Gottesacker?“

Weiterhin Ratlosigkeit. Einer kratzte sich am Kopf und murmelte: „Kartoffelacker? Gottes Acker? Nee, nee! Gott wird nich´ gesät und geerntet.“

Ein Mädchen hatte dann die Idee: „Die Körper der Verstorbenen werden so ähnlich wie gesät - so wie die Zwiebeln von einer Blume. Und Gott weckt sie dann wieder auf. Die kommen alle aus dem Tod in der Erde wieder heraus und stehen dann im Himmel vor Gottes Gesicht wie schöne, bunte Blumen.“

„Ja!“, rief ein Junge: „Det is´ hier Jottes Feld. Hier wächst die Auferstehung vonne Toten.“

Bravo! Ich war´s zufrieden: „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natĂĽrlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“ So hatte der Apostel Paulus das schon im Ersten Korintherbrief geschrieben.

Die Kinder stutzten: „Und was ist das?“

Wir standen vor einem liebevoll bepflanzten Grab. Mitten zwischen den Blumen steckte vor dem Grabstein ein Spazierstock aus Holz. Der muĂźte da schon lange stehen: Seine Farbe war schon ziemlich abgeblättert. Er war ausgebleicht und alt. „Pastor, warum steht´n der da?“

Ich war auch etwas ratlos: „Tja,“, setzte ich an: „Das wird wohl so sein . . .“

„Ich weiĂź!!!“, fiel mir ein Mädchen ins Wort. „Der Mann braucht den jetzt nicht mehr. Der ist nämlich jetzt im Himmel, und da gibt's keine Kranken mehr und keine KrĂĽckstöcke. Da sind alle gesund. Weil: Bei Jesus ist das nämlich so! Bei Jesus im Himmel gibt´s keine kranken Beine!“

Gut gesagt, oder? - Ich dachte den Gedanken ein wenig weiter: „Der KrĂĽck-stock aus Holz ist ein modernes, christliches Symbol der Auferstehungshoffnung! - Er sagt uns, daĂź bei Jesus im Himmelreich alles heil und gut ist. Im Himmel braucht man keinen KrĂĽckstock! Da tanzen und springen und lachen und laufen alle Leute. - Leider ist dieses moderne, einprägsame Symbol noch einigermaĂźen unbekannt! Oder kanntet ihr das?“

Die Kinder schĂĽttelten den Kopf, und ich grinste. Denn woher sollten sie dieses moderne Auferstehungssymbol auch kennen. Wir hatten es uns ja eben erst ausgedacht!

„Pastor! Kommen sie mal janz schnell her!“, brĂĽllte jemand: „Pst!! Ruhig! Das ist ein Friedhof!“ versuchte ich mich durchzusetzen: „Was ist denn?“

Die Kinder standen in einem kleinen Kreis mitten auf einer Wiese. Zu ihren FĂĽĂźen lag eine kleine Steinplatte, die in den Boden eingelassen war. Auf dieser winzigen Grabplatte stand ein Mädchenname und zwei Daten: „Pastor!“, sagte jemand und guckte erschreckt: „Die Zahlen sind aber gleich!“ - Ich nickte: „Ja, das stimmt. Ich war schon ein paar mal hier: Ein Ehepaar aus unserer Gemeinde hat hier mit mir ihr Mädchen beerdigt. Es ist am Tag seiner Geburt im Krankenhaus gestorben. Es war furchtbar traurig! Die Frau weint heute noch manchmal, wenn wir darĂĽber reden.“

Die Kinder schwiegen und schauten still auf die Grabplatte. „LaĂźt uns die Hände falten.“, sagte ich. Ein Krankenwagen jaulte auf der nahen StraĂźe vorbei. „Wir wollen Gott bitten fĂĽr die Eltern und fĂĽr das kleine Mädchen und fĂĽr uns auch, daĂź Gott uns alle tröstet und Jesus unsere Tränen abwischt.“ - Alle beteten mit mir.

„Darf ick im Himmel bei Jesus mit dem kleenen Mädchen, was da beerdigt war, spielen?“, fragte mich ein Mädchen leise, als wir zurĂĽckgingen. Ich schaute sie erstaunt an: „NatĂĽrlich darfst du das!“ Das Mädel nickte erleichtert: „Dann isses ja jut!“ Sie rannte den andern hinterher.

„Is´schon echt schön hier auf unserm Friedhof mit diesem Stock da.“, sagte jemand, als wir wieder ins Auto kletterten. Ein Mädchen ergänzte: „ . . . und mit den Menschen, die wie Blumenzwiebeln in der Erde liegen, damit sie dann später im Himmel vor Jesus blĂĽhen.“

Wie oft diskutieren wir als Christen ĂĽber den Glauben, erörtern schwierige geistliche Probleme und wägen mit groĂźer intellektueller MĂĽhe diese oder jene Aussage der Bibel ab. Das ist alles richtig an der richtigen Stelle! Aber Jesus stellt uns kleine Kinder als Vorbild hin: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäusevan-gelium, Kapitel 18, Vers 3) Die Hoffnung der Auferstehung vertrauensvoll und einfältig aus Jesu Hand nehmen - wie die Kinder - das ist der Kern des Glaubens an Christus. Es ist so einfach und so schön!

Diese folgende Geschichte, die mir Frau S. von ihrem Jungen erzählt hat, paßt genau dazu: Ihr Junge war höchstens fünf Jahre alt und stand vor den Taufkerzen der Familie. Jeder hatte bei seiner Taufe eine hohe, schlanke, weiße Kerze mit seinem Namen, dem Taufdatum und einem bunten, frommen Bild geschenkt bekommen. Jetzt standen sie im Wohnzimmer.

„Wem gehört die?“, fragte er und zeigte auf die erste Kerze. Sie Mutter ordnete sie zu: „Das ist Papas.“ - Der Junge fragte weiter: „Und die?“ - „Das ist Melanies Taufkerze. Das ist Fleurs, das ist meine. Und das ist Sophies.“

Christian dachte lange nach: „Mama, wer ist Sophie?“ - „Sophie ist ein kleines Mädchen.“ - Christian war es vorerst zufrieden.

Nach ein paar Tagen fragte er: „Mama? Wer ist denn die Mama von Sophie?“ - „Ich! Ich bin die Mama von Sophie. Ich bin deine Mama und die von Melanie und von Fleur und auch von Sophie.“ - Das verstand Christian.

Beim Abendbrot schaute er plötzlich auf: „Mama? Sophie ist meine Schwester. Wo ist meine Schwester Sophie?“

„Die ist bei Gott. Sie ist gestorben kurz nach der Geburt. Und jetzt ist sie bei Gott.“

Das freute Christian: „Das ist gut. Wir habe doch im Himmel eine Wohnung bei Gott! Hat der Pastor doch gesagt! Und wenn wir sterben, ziehen wir nur um - in die Wohnung im Himmel. Ja? Mama?“ Die Mutter nickte: „Genau. Das stimmt so, wie du es sagst.“ „Mama? Dann ist Sophie schon jetzt im Himmel in unserer Wohnung. Die paĂźt auf unsere Wohnung auf - bis wir auch umziehen. - Das ist gut, Mama!“, sagte Christian mit größter Ăśberzeugung in der Stimme, nickte erfreut und ging ins Kinderzimmer spielen.

Da kann man mit dem achten Psalm nur anbetend staunen: Lieber Gott! Den Weisen und Klugen hast du es verborgen. „Aber aus dem Mund der Kinder und UnmĂĽndigen hast du dir Lob bereitet.“

Der Mond stand direkt ĂĽber dem Giebel des Hochhauses. Ich stand am KĂĽchenfenster und schaute in den dunklen Garten hinaus. Da fielen mir die Bitten ein, die Matthias Claudius schon 1779 in seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ unserm Heiland und Herrn Jesus Christus vorgesungen hatte:

„Gott, laĂź uns dein Heil schauen, / auf nichts Vergänglichs trauen, / nicht Eitelkeit uns freun. / LaĂź uns einfältig werden / und vor dir hier auf Erden, / wie Kinder fromm und fröhlich sein.“