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Weihnachten 2006
Ein wenig spät war es schon. Das gebe ich gerne zu. Erst Mitte November fiel mir siedendheiß ein, daß es sicher irgendwann Weihnachten
werden würde und am Heiligen Abend auch in diesem Jahr sicher nicht alle Gäste in unsere Gemeinderäume passen würden.
Die Aufgabe, die sich damit stellte, war doch eine ziemliche Herausforderung: "Finde innerhalb der nächsten sieben Tage einen großen
Raum, in dem die Gemeinde und ihre Gäste am Heiligen Abend die Christvesper feiern können. Folgende Bedingungen müssen erfüllt werden:
- Der Raum muß würdig und für einen Gottesdienst geeignet sein. - Er darf nichts kosten, muß aber mindestens 200 und höchstens 400
Leute fassen und sollte höchstens 500 Meter von der Kirche entfernt sein. - Die Errreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln am Heiligen Abend muß gewährleistet sein. Alle wichtigen Vorschriften zu
Brandschutz, Fluchtwegen, Versicherung und ähnlichem müssen eingehalten werden."
Nach längerem Hin und Her half uns dann Herr Scholz, Manager des TAL-Center, und der Hausmeister, die uns schnell, freundlich,
unbürokratisch und kostenlos (!) einen leerstehenden Supermarkt überließen.
Aber der Raum war kahl und kalt, klinisch weiß gestrichen mit kühlgrauen Bodenfliesen - gar nicht weihnachtlich! Und es gab kein Licht:
Alle Deckenleuchten waren schon abgebaut. Und Stühle fehlten auch.
Aber dann ging es plötzlich los: Ehe ich mir auch nur sorgenvoll am Hinterkopf kratzen konnte, waren alle Schwierigkeiten beseitigt: Frau
Rüst fegte von Baumarkt zu Baumarkt und kaufte alle Tannengirlanden und großen Goldsterne auf, die im Handel waren. Der Frauenkreis packte zwei Dienstage lang Berge von häßlichen Pappkartons für die Dekoration
in schickes rotes Geschenkpapier ein. In schlaflosen Nächten schnippelte Frau Rüst aus glänzemdem Geschenkpapier noch schnell eine paar Dutzend Glitzersterne für den Tannenbaumschmuck.
Herr Berkes baute flink und professionell eine wunderbare Krippe, große quitschegelbe Sterne für die Engel im Krippenspiel und ein solides
Gestell für die Bühnendekoration.
Innerhalb von drei Tagen waren 4.500 Flyer verteilt, ohne daß im nachhinein noch zu klären war, wer wieviele wohin gebracht hatte. Sogar
bei Ärzten in Wartezimmern, in Schulen und in der Straßenbahn (!) lagen welche aus. Wie die dahin kamen, bleibt ein Rätsel.
Frau Puhlmann und Frau Prodöhl bemalten mit unserm Praktikanten Alexander und seiner Mutter fleißig riesige Tücher, die als
Bühnenhintergrund dienten.
Herr Nischik kümmerte sich um das vorschriftsmäßige Licht (100 Lux auf Fluchtwegen!) und vermittelte den Kontakt zu einer Firma, die uns
eine professionelle Scheinwerfer- und Tonanlage vermietete. Das war zwar ziemlich teuer, aber sehr wirkungsvoll und unbedingt notwendig: Man konnte bis in die letzte Reihe jedes Wort verstehen. (Herzlichen Dank
für die ersten Spenden zur Finanzierung dieser Ausgabe!)
Frau Feige vom HAFEN lieh uns ihre Bühne. Zwanzig (!) Tannenbäume wurden gespendet und aufgestellt.
Und woher jetzt zwanzig Christbaumständer nehmen? Einige bekamen wir geborgt. Aber die reichten nicht aus. Bis jemand sich erinnerte:
"Nache Krieje haben wir die kleinen Tannenbäumchen immer in einen Eimer mit Sand gestellt. Das hielt sogar bei Bombenangriffen." Gesagt, getan. Klappte auch heute noch.
Eines Morgens klingelte das Telefon: "Hier ist das Schulamt Marzahn-Hellersdrof. Wir hören, daß sie 400 Stühle für die Christvesper
brauchen. Dürfen wir ihnen die ausleihen?" Ängstlich fragte ich: "Und wieviel kostet das?" - "Nichts, gar nichts! Vielleicht können wir sie ihnen ja auch ganz schenken." - Herr Fiolka von
LAIB UND SEELE kannte den Leiter des Schulamtes. Und so war auch dieses Problem gelöst.
Und dann hatte ich die merkwürdige Idee, wir könnten doch ein paar echte Schafe beim Krippenspiel mitmachen lassen. Nach nur einem
Telefonat war alles klar: Der Tierhof Marzahn lieh uns zwei trächtige Mutterschafe samt Gehege, Heu und Stroh.
Währenddessen probten die Darsteller des Krippenspiels eifrig ihre Texte (Euer Heiland ist geboren, Ein Spiel zur Christnacht von G.
Schiel, Evangelische Verlagsanstalt Berlin, o. Jahr, etwa 1950), nähten Kostüme und zitterten zunehmend. Sonntags nach dem Gottesdienst gab es insgesamt drei Proben - mehr nicht.
Es war wirklich viel zu tun: Krippenspieltexte abtippen, Plakate aufhängen, Pressemeldung mailen, Sitzplatzreservierungskarten drucken und
verteilen, Schlüssel abholen, Schafe herbeischaffen, Stühle auf- und abladen, Girlanden anbringen, Bäume aufstellen, Licht- und Tonanlage installieren, CD mit weihnachten Chorälen besorgen, Glockengeläut aus dem
Internet herunterladen und auf eine CD brennen, Bühne, Altar und Lesepult hinfahren und aufbauen, Gottesdienstzettel falten. Freundliche und zugleich klare Hinweise für Gäste schreiben, kopieren, schneiden und in
die Blätter einlegen. ("Herzlich willkommen zur Christvesper! Wir wünschen Ihnen einen gesegneten Gottesdienst und ein fröhliches Christfest! - Dieser leerstehende Supermarkt ist an diesem Heiligen Abend eine
evangelisch-lutherische Kirche. Wir danken Ihnen, daß Sie sich entsprechend verhalten. - Herzlichen Dank, daß Sie jetzt Ihr Handy ausschalten und die Fotoapparate nicht benutzen, da dies alle anderen Gäste stört. .
. . Wir danken Ihnen deshalb, daß auch Sie sich um Stille bemühen.")
Und dann klingelte die Polizei. Der Präventionsbeauftragte stand vor der Tür: "Wir haben hier auf dem Abschnitt ein bißchen was
gesammelt, Süßigkeiten und Spielzeug und so was - für die Kinder. Geben Sie das mal bitte weiter."
Und dann klingelte das Telefon: "Ich würde gerne einkaufen gehen, mit einem hilfebedrüftigen Gast von LAIB UND SEELE. Ich bezahle
auch alles. Sagen sie mir nur kurz eine Telefonnummer. Ich kaufe dann mit den Leuten ein, damit die auch ein schönes Weihnachtsfest haben."
Es war alles ein bißchen durcheinander, aber schön. Es gab wirklich viel zu tun. Aber es gab so viele Leute, die mitgedacht und mitgemacht
haben, daß am Tag vor Heiligabend alles pünktlich und gut vorbereitet war. Mindestens 30 Leute waren eingespannt und halfen.
O Wunder! Ich hatte sogar noch Zeit, einige Predigten für die verschiedenen Gottesdienste vorzubereiten!
Am Tag vor Heiligabend gab es noch einen Riesenschreck. Irgendjemand entdeckte, daß in der Kaufhallenkirche eine Sprinkleranlage
installiert war (rote Kapseln, Auslösetemperatur 68 Grad). Würde die losgehen, wenn wir darunter die Kerzen am Tannenbaum entzünden?
Ich rief die Feuerwehr an und schilderte das Problem eines Tannenbaumes unter einer Sprinkleranlage in der Christvesper. Die ganze Wache
lachte und war sehr erheitert. Wahrscheinlich würde die Anlage doch eher nicht losgehen, war die nicht ganz beruhigende Auskunft. Ich hatte jedenfalls einen Regenschirm in der Christvesper dabei. Man weiß ja
nie!
Und dann kam der 24. 12. Ganz langsam füllte sich der Raum. "Pastor, da kommt niemand!" - die Darsteller wurden nervös - bis wir
zehn Minuten vor Beginn noch 70 Stühle nachstellen mußten, damit alle 320 Gäste sitzen konnten: Gemeindeglieder, Nachbarn, Kollegen, Bekannte, Gäste und Mitarbeiter von LAIB UND SEELE . . .
Vorne an der Bühne waren Jutesäcke angetackert, um die Aluminiumständer zu vedecken. "Produziert in Israel" war draufgedruckt.
Das paßte gut zu einer Christvesper: Bethlehem liegt schließlich in Israel. Und dann ging es los: Die Glocken läuteten vom Band, die Kinder zogen singend ein - Kerzen in den Händen. Die Gäste wurden
mucksmäuschenstill. Und dann ging alles ruhig und geordnet seinen Lauf. Herr Geyer aus der Paulusgemeinde Neukölln spielte die Orgel. Die Schafe blieben still und friedlich. Die Kerzen am Tannenbaum lösten die
Sprinkleranlage nicht aus. Ich brauchte meinen Regenschirm nicht. Wir sangen und beteten und hörten das Weihnachtsevangelium . . . Das Krippenspiel klappte reibungslos - trotz der wenigen Proben. Kein Darsteller
vergaß seinen Text.
"Still, Kind,", sagte die Frau hinter mir: "Still! Das ist nicht Frau Holle. Das ist Jesus. Und das ist wirklich so
passiert."
Es war wirklich ebeindruckend, wie die vielen Darsteller sich ins Zeug legten, riefen und nähten und schenkten und sich schüttelten und
herumräumten und auf die Bühne stürzten und damit die frohe Botschaft von Jesu Menschwerdung verkündigten.
"Komm zu ihm! Wie du bist, bist du ihm grade recht. Schenk deine Zweifel ihm, dein kummervolles Herz, schenk deine Tränen, deine
Sorgen, deinen Schmerz. Schenk deine Schuld vor allem, dein Versagen; er ist gekommen, um am Kreuz sie abzutragen!
Denn siehe, ich verkündige euch große Freud: Durch Gottes Gnad ist auch geboren heut in Bethlehem ein Kind aus Davids Stamm, der Christus,
Gottes Sohn, das Sündenlamm, das Frieden bringt den Menschen weit und breit, das Heil der Welt, den Weg zur Seligkeit. Drum öffnet eure Herzen, eure Augen, eure Ohren der frohen Botschaft: Euer Heiland ist
geboren."
Mit diesen Worten der Engel endete das Krippenspiel. Und dann sangen alle, Gäste und Darsteller: "O du fröhliche, / o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit. . . . Christ ist erschienen / uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit . . . Himmlische Heere
/ jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit."
"Das war das schönste Weihnachtsfest meines Lebens.", sagte mir eine Frau beim Hinausgehen an der Tür.
"Ich hätte fast angefangen zu weinen.", berichtete ein Mann verstohlen: "Das war wirklich rührend und doch nicht kitschig.
Danke!"
"Und jetzt fängt Weihnachten an.", sagte ein Mitspieler beim Krippenspiel als er sich seinen Jutesack nach der Christvesper
abstreifte. Und auch ich wollte auch mal eine ganz normale Christvesper haben, so wie früher, ohne Mikros, Scheinwerfer, Schafe und Gedrängel. Und darum gab es noch eine Christmette um 23 Uhr. Und statt der
erwarteten 7,63 Gäste kamen noch einmal 25 und saßen stil in der Kirche beim Licht des Christbaums an der Krippe, sangen und lachten brüllend. Ja. Ich hielt das Evangelium für die Christnacht mit dem Stammbaum Jesu
im ersten Kapitel des Matthäusevangeliums schon immer für großartig. Aber so ein Gepruste, Gekicher und Gelächter habe ich noch niemals in einer Kirche gehört. Sehr schön!
Und auch im Festgottesdienst am ersten Feiertag und am zweiten Feiertag beim musikalischen Gottesdienst, in dem Pastor Kempe aus Neukölln
die Predigt hielt, war es in der Kirche voll und schön und fröhlich.
Und als ich am zweiten Feiertag nach dem Gottesdienst noch bat, ein wenig beim Aufräumen zu helfen, wuselten und fegten 25 Leute eine
Stunde lang durch die Kirchenkaufhalle. Bis zum Mittagessen war alles verstaut, geputzt und weggeräumt. Auch die Schafe waren wieder zu Haus im Stall.
Alles mußte raus. Denn am nächsten Morgen wurde in dem Raum, in dem wir die Christvesper gefeiert hatten, mit dem Verkauf von
Silvesterfeuerwerk begonnen. Sehr schön! Kaufhallen werden zu Kirchen. Und Kirchenkaufhallen werden zu Böllerläden.
Ich danke herzlich allen geduldigen Mitstreitern, allen fleißigen Helfern und mutigen Darstellern! Es war ein schönes Weihnachtsfest! Möge
die Weihnachtsfreude über Jesu Geburt noch lange nicht nur in meinem, sondern in unser aller Herzen hell erstrahlen!
(Und jetzt mache ich ein paar Tage frei, schlafe aus, lese meine Weihnachtsgechenkbücher - John Grisham, Der Gefangene; Bastian Sick, Der
Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Bände 1 bis 3; Dr. Ankowitschs Illustriertes Hausbuch - und bummele ein wenig herum.)
Fotos vom Gottesdienst finden Sie hier...
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